Gewalt verurteilen ist auch nur Gewalt …

Immer wieder habe ich mich gefragt, warum überall so viel Gewalt herrscht. Wo kommt Gewalt her? Was ist Gewalt? Wo fängt sie an und wo hört sie auf?

Da ich mittlerweile erfahren durfte, dass jedes Erkennen immer zuerst in mir selbst stattfindet, musste ich also auch in diesem Fall zuerst bei mir schauen.

Es scheint so, dass Freude, Angst, Leiden, Denken und Gewalttätigkeit einen inneren Zusammenhang haben. Viele Menschen erachten es als selbstverständlich, andere Menschen nicht „zu mögen“, eine Gruppe von Menschen zu hassen ( die „Reichen“, die „Bösen“, die „Ausländer“ ), feindselige Gefühle gegen andere zu hegen … So auch ich.

Wo ist die Wurzel von Gewalt?

Eingeladen ist der, der bereit dazu ist, mit mir gemeinsam zu schauen, was Gewalt ist und wo sie herkommt.

Mein innigster Wunsch ist es, nicht einen Hauch von Hass, Eifersucht, Unruhe oder Furcht in mir zu haben. Ich möchte vollkommen in Frieden leben. Dazu muss ich die Gewalt in mir anschauen.

Nur wenn ich weiß, was Gewalt ist, nicht im Außen, sondern in mir selbst es zu erkennen und zu verstehen beginne, habe ich eine Chance, darüber hinaus zu gehen.

Ich höre schon die Argumente … Was kann ich allein schon gegen die Gewalt in der Welt tun, solange alle anderen Menschen um mich herum gewaltsam sind? Ich kümmere mich nicht mehr darum, was  „die anderen“ wirklich ändern wollen oder nicht. Langsam aber sicher erfahre ich, dass alle „Probleme“ in mir beginnen … also kümmere ich zuerst darum, die Dinge in mir zu klären und schaue dann, was sich ändert.

Gewalt begegnet mir  jeden Tag … im Straßenverkehr, im TV, beim Amt, in den Schulen … überall.

Ich möchte darauf achtgeben, selbst nicht gewalttätig zu sein. Dafür muss ich den Ursprung und die Formen der Gewalt in mir erforschen. Jeder andere ist gerne dazu eingeladen, es ebenfalls zu tun.

Da kommt natürlich die Frage auf:

„Wie kann ich in einer Welt leben, die voller Gewalt, voller Begierde, Gewinnsucht, Neid, Lüge und Aggressivität ist?“ … Aber eine solche Frage scheint keine sehr friedfertige Frage zu sein. Stammt Sie nicht ebenso aus Frucht und Beurteilung? Sind das nicht ebenfalls Formen von Gewalt bzw. bringen diese Dinge nicht Gewalt hervor? Wir müssen schon ganz genau schauen und total offen sein, um diese Sache ehrlich zu erforschen. Wir müssen uns vor uns selbst entblößen.

Es ist mir völlig klar, dass ich ein gewalttätiger Mensch bin. Ich habe Gewaltsamkeit und Heftigkeit in meinen Gefühlsregungen … im Ärger, in der Wut, in der Schaffung von Feindschaften, in der Ablehnung wahrgenommen. Und da ich dies erfahren habe, möchte ich dieses ganze Ding verstehen … nicht nur in Bruchstücken … sondern die gesamte Aggression im Menschen.

Gewalt besteht nicht nur darin andere zu schlagen oder zu töten. Wir sind bereits gewalttätig, wenn wir ein hartes Wort gebrauchen, wenn wir jemanden mit einer abfälligen Geste abtun, wenn wir anderen Angst machen oder sie unter Druck setzen … und tatsächlich auch, wenn wir selbst aus Angst gehorchen. Gewalt liegt also nicht nur in der organisierten Metzelei im Namen einer Flagge, eines Glaubens oder irgendeiner anderen Sache. Gewalt ist viel subtiler … dorthin sollten wir  schauen.

Gewalt beginnt schon damit, dass wir uns als „irgendetwas“ bezeichnen. Zum Beispiel als Christ oder Moslem … als Veganer oder Vegetarier … als Europäer oder Inder … als Diabetiker oder Rheumatiker … Kannst Du erkennen, warum das so ist? Wir grenzen uns ab. Wir schließen aus. Entweder andere oder uns selber.

Sobald ich mich oder andere durch Glauben, Nationalität, Tradition oder Hautfarbe … durch irgendeine Eigenschaft absondere, wird damit eine Form von Gewalt erzeugt.

Wenn ich mir das Recht heraus nehme zornig zu sein, weil meine Familie, meine Lebensauffassung, meine Prinzipien, meine Meinung angegriffen wird, so gilt das als moralisch gerechtfertigt.

Wenn ich wütend werde, weil mir jemand auf die Zehen tritt, oder mich beleidigt, dann gilt das ebenfalls als moralisch gerechtfertigt.

Und wenn wir für unser Land töten, dann wird das auch noch „gut“ geheißen.

Wenn wir nun den Ärger betrachten, der ein Teil der Gewalt ist, empfinden wir ihn je nach unseren Konditionierungen und Glaubensmuster als gerechtfertigt und ungerechtfertigt? Oder können wir den Ärger losgelöst davon betrachten? Gibt es denn überhaupt gerechtfertigten Ärger?

Oder gibt es nur den Ärger an sich? Oder gibt es ohne Geschichte gar keinen Ärger?

Existiert der Ärger nur durch die Geschichte, die meiner Meinung nach dahinter steckt, oder kann Ärger aus sich selbst heraus sein?

In dem Augenblick, da ich der Meinung bin, etwas schützen zu müssen … sei es meine Familie, einen bunten Lappen,  einen Glauben oder eine Idee … irgendetwas wonach ich verlange oder an dem ich mich festhalte … verrät mein Verhalten meine gewalttätigen Gefühle.

Könnte ich nun den Ärger anschauen, ohne jede Rechtfertigung, Begründung oder Erklärung … ohne: „ Ich muss mich schützen“ oder „ Ich hatte ein Recht, ärgerlich zu sein, weil …“?

Kann man auf den Ärger schauen, als wäre er für sich allein? Kann man objektiv darauf schauen, ohne zu verteidigen oder zu verurteilen?

Kann ich wahrhaftig etwas „sehen“, wenn ich dem gegenüber irgendein Urteil im Kopf habe oder ihm eine Bedeutung gegeben habe?

Ich kann nur dann „sehen“, wenn ich achtsam bin … wenn ich Gewahrsein bin … wo nichts enthalten ist … keine Vorstellungen, keine Eigenschaften, kein Urteil, keine Erinnerung, kein Gedanke.

Kann ich nun den Ärger in gleicher Weise „sehen“ … das meint, indem ich mich ihm preisgebe … indem ich mich nicht wiedersetze … sondern ich einfach nur ohne jede Reaktion betrachte?

Es ist sicherlich nicht leicht, sachlich auf den Ärger zu schauen.

Es kümmert mich nicht wo der Ärger herzukommen scheint. Es kümmert mich nicht, ob die Kultur in der ich lebe ihn hervor gebracht hat, oder ob ich ihn geerbt habe. Es interessiert mich nur, wo er beginnt und wo er aufhört in mir und ob er tatsächlich ist oder nicht.

Ärger und Gewalttätigkeit sind zerstörerisch … für die Welt und für mich. Darum möchte ich darüber hinaus gelangen.

Um jenseits von etwas zu sein, darf man es nicht unterdrücken, nicht ablehnen, sondern es bedarf der intensiven Betrachtung. Und das ist nur möglich, wenn ich es nicht ablehne, rechtfertige oder verurteile.

Der erste Schritt scheint daher zu sein, damit aufzuhören, Ärger und Gewalt abzulehnen oder zu rechtfertigen. Man darf auf diese Dinge nicht mit Augen schauen die beurteilen und verurteilen.

Es ist wichtig zu erkennen, wie wir auf die Dinge schauen. Wie wir auf uns und unsere Familien, auf Politiker, auf Freunde und Feinde schauen.

So wurde mir klar, dass ich nicht objektiv betrachte und warum ich verurteile und rechtfertige.

Verurteilung und Rechtfertigung sind fester Bestandteil unserer sozialen Struktur, unserer Erziehung, unseren Konditionierungen und alltäglichen Denkweisen. Wir bemerken es kaum noch, wie automatisch das in unserem Verstand abläuft.

Wir sind Teil dieser „Bedingtheit“ … Teil dieser Limitierung als Deutscher oder Christ oder Hindu … mit all der geistigen Strukturierung und Verhärtung, die diese Limitierung zur Folge hat.

Jemand, der abgestumpft ist durch diese Limitierung und Strukturierung, kann nicht tief eindringen in so ein wichtiges Thema, wie Ärger und Gewalt. Er kann nur entsprechend seiner Strukturierung agieren.

Wir sind so arrogant durch unser Gefühl der „Unanfechtbarkeit“ geworden, welches hohe Mauern um uns herum aufgebaut hat und Teil der Verurteilung und Rechtfertigung ist. Wenn wir das einmal loslassen, dann sind wir fähig zu schauen, einzudringen und bewusst zu sein.

Die meisten von uns haben die Gewalt als eine Art Gegebenheit des Lebens hingenommen.  Und andere wiederum haben eine Vorstellung, eine Ideal erschaffen, dass sie Gewaltlosigkeit nennen und sie glaubten, durch das Ideal der Nichtgewalt als Gegensatz zur Gewalt könnten sie sich vom Faktum der Gewalt befreien … Aber das funktioniert nicht. Dahinter steckt wieder eine Form von Gewalt. Nämlich sich in eine Schablone der Gewaltlosigkeit zu pressen.

Um die Wirklichkeit zu verstehen, benötigen wir unsere volle Aufmerksamkeit und Energie. Durch Ideale, die nicht den Tatsachen entsprechen, zerstreuen wir Aufmerksamkeit und Energie. Nur ohne feste Vorstellungen können wir heraus finden, was wirklich ist.

Um den Ärger als Tatsache zu erforschen, müssen wir frei sein von Vorstellungen und Verurteilungen. In dem Augenblick, da wir einen Gedanken von einem Gegensatz zum Ärger haben, verurteilen wir den Ärger und können darum nicht sehen, wie er wirklich ist.

Wenn wir lernen, das anzuschauen, wie es jetzt ist, ohne eine Vorstellung davon zu haben, ein Bild, eine Erinnerung, einen Gedanken … leben wir im Augenblick und erfahren die Dinge, wie sie wirklich sind. Und wenn wir so klar sehen, löst sich das „Problem“.

Gewalt und Ärger an sich sind also keine Tatsachen. Denn sobald ich mir bewusst bin, dass diese Gefühle und Reaktionen nur existieren im Zusammenhang mit einer „Geschichte“ … mit einer Vorstellung, die ich von etwas habe … dann kann ich im gegenwärtigen Augenblick die Geschichte los lassen und so augenblicklich erkennen, dass weder Gewalt noch Ärger tatsächlich existieren.

Meine Voreingenommenheit, meine Lebensart, die Struktur der Gesellschaft, in der ich lebe, hindern mich daran, eine Tatsache anzuschauen … das gilt für Gewalt genauso, wie für Furcht, Ärger, Leiden, Ängste, Sehnsucht, Wünsche … sie unmittelbar zu erkenne und damit aufzulösen … ohne das ich irgendetwas tun muss, außer gewahr zu sein.

Wenn ich nun sage: „Ich werde darüber nachdenken. Ich werde versuchen, davon frei zu sein“ … ist es wohl das Schrecklichste, was ich dazu sagen könnte.

Ich kann nicht versuchen … entweder ich bin jetzt bereit zu schauen oder ich lasse es sein.

Ansonsten operiere ich mit der Zeit, während mein Haus in Flammen steht. Das Haus brennt als Folge der Gewalt in mir und in der Welt um mich herum. Wie kann ich da sagen: „Lass mich mal darüber nach denken, welcher Weg der Beste wäre, das Feuer zu löschen.“

Wenn das Haus in Flammen steht, werde ich nicht mehr über die Haarfarbe der Menschen streiten, die mir das Wasser zum Löschen bringen mögen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s